Gastbeitrag der Ernährungsmedizinerin Dr. Heike Pahl-Wurster, Mülheim
Vielen übergewichtigen Menschen gelingt es nicht - trotz vieler Diäten und Anstrengungen - eine dauerhafte Gewichtsabnahme zu erzielen. Die meisten Diät- und Abnehmprogramme zielen auf eine Änderung der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten ab. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass chronische Stressbelastungen eine wichtige Rolle sowohl bei der Entstehung als auch der Aufrechterhaltung des Übergewichts spielen.
Erfahrungen in der frühen Kindheit im Umgang mit Stress und Gefühlen in der Familie sind dabei bedeutsam.
Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass Menschen unter Stressbelastungen dazu neigen, besonders fett- und kalorienhaltige Lebensmittel zu sich zu nehmen. Auch in Tierstudien bestätigt sich das. Hamster zum Beispiel, die experimentell unter Stress gesetzt werden, fressen mehr und nehmen an Gewicht zu.
Woran liegt das?
Viele Untersuchungen zeigen, dass das Gehirn wichtige Kontrollfunktionen auf den Stoffwechsel und die Appetitsteuerung ausübt. Ein kompliziertes Netzwerk aus Hormonen, Botenstoffen und Signalen reguliert die Nahrungszufuhr.
Selfish-Brain-Modell:
Gemäß dem Selfish-Brain-Modell (Lübecker Arbeitsgruppe Prof. A. Peters) hat das Gehirn einen hohen Energiebedarf; es scheint dabei selbstsüchtig vorzugehen und sich zunächst einmal selber mit Energie (Glucose) zu versorgen und Signale zur Energiebeschaffung auszusenden.
Bei Stressbelastungen können wohl diese Signale nicht richtig verarbeitet werden. So kann das Gehirn die nötige Energie nicht mehr aus dem Körper anfordern, sondern es braucht zusätzliche Nahrung: Übergewicht entsteht …
Rolle der Stresshormone und Botenstoffe:
Weitere Faktoren, die bei chronischem Stress eine Gewichtszunahme fördern, sind sowohl der erhöhte Spiegel des Stresshormons Cortisol, das von der Nebennierenrinde produziert wird,
als auch der niedrige Serotoninspiegel, den man bei Menschen mit chron. Stressbelastungen findet.
Serotonin ist ein Botenstoff, der u.a. im Gehirn an der Hunger- und Sättigungsregulation beteiligt ist und für Wohlbefinden und emotionale Zufriedenheit sorgt („Glückshormon“).
Ein niedriger Serotoninspiegel signalisiert dem Gehirn „Hunger“. Viele Menschen kennen das: nach einem stressigen Tag hat man Heißhunger auf Süßes - ein möglicher Hinweis auf einen niedrigen Serotoninspiegel bei chronischen Stressbelastungen.
Durch Aufnahme von Kohlenhydraten und/oder fettreichen Speisen (z.B. Schokolade) ist es durch biochemische Stoffwechselreaktionen möglich, den Serotoninspiegel über die erhöhte Aufnahme von Tryptophan (Proteinbaustein, der in Serotonin umgewandelt wird) im Gehirn zu steigern, es kommt zu Wohlbefinden und Stimmungsverbesserung.
Die Gefahr ist nun groß, durch entsprechende Lernprozesse und neuronale Bahnungen dieses Verhalten immer wieder zu zeigen; bei fehlenden Stressbewältigungsstrategien ein einfaches Mittel, um für Wohlbefinden zu sorgen. Schnell entstehen so Abhängigkeitspotentiale, die eine dauerhafte
Gewichtsreduktion durch einfache Änderungen des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens schwierig machen.
Auch das Neuropeptid Y (Neuropeptid) scheint eine Rolle zu spielen: Es wird bei Stress aktiviert und fördert in Tierversuchen die Bildung von Fettgewebe.
Um dauerhaft Gewicht abzunehmen, ist es daher notwendig, Strategien und Kompetenzen zur Stressbewältigung zu erlernen.
Dr. med. Heike Pahl-Wurster
Kompetenzzentrum Adivital Xanten
www.adivital.de
Schwerpunktpraxis Ernährungsmedizin (BDEM) in der Hausarztpraxis Schloss-Center Mülheim
www.hausarztpraxis-schlosscenter.de