24
Mai

Stress und Burnout


Wer viel zu tun hat, hohe Anforderungen erfüllt und Stressbelastungen ausgesetzt ist, möchte wissen:

  • Wie viel halte ich eigentlich aus?
  • Bin ich noch im „Grünen Bereich“ oder leidet bereits meine Gesundheit?
  • Sind die Nervosität, die Unzufriedenheit oder die Ohrgeräusche in der letzten Zeit harmlos odersind es Warnlampen, die mir anzeigen, dass ich dringend auf mich aufpassen muss?
  • Wenn ich merke, dass die Zeiten anstrengend und anspruchsvoll sind – wie kann ich mich schützen?
  • Wie bekomme ich Sicherheit, dass ich auch in den nächsten Jahren noch belastbar bin?

Erschöpfung und Burnout

Jeder kennt Zustände von Erschöpfung – wenn wir uns verausgabt haben, körperlich nach einem langen Lauf oder mental nach einer Prüfung oder eine Kombination aus beidem, z.B. nach einem langen Arbeitstag oder wenn die Kinder endlich abends im Bett sind und schlafen.
Erschöpfung ist eine gesunde Reaktion auf vorangegangene Belastung: wenn ich eine Zeitlang für mich sorge, kann ich wieder Kräfte tanken, mich regenerieren und erneut beginnen.
Wenn jemand ins Burnout zu rutschen beginnt, klappt diese Form von Erholung nicht mehr.

Wie häufig ist Burnout?

Wie Burnout genau zu definieren ist, darüber diskutieren die Wissenschaftler. Es gibt fließende Übergänge zwischen chronischem Stress, Burnout und Depression. Deshalb gibt es auch keine exakten Daten zur Häufigkeit.
Gesichert ist, dass der gesamte Bereich der psychischen Erkrankungen zunimmt:

  • allein von 2001 auf 2005 hat sich der Anteil der psychischen Erkrankungen am Anteil der Arbeitsunfähigkeit um 59% auf 10,5% erhöht.
  • bei vielen Krankheiten – wie z.B. den Rückenschmerzen – ist bekannt, dass sie sehr stark von Stressbelastungen abhängen.
  • Bei Ärzten und Lehrern z.B. wird die Häufigkeit des Burnouts auf mindestens 20% geschätzt.
  • Die WHO geht davon aus, dass 2020 die Depressiven Erkrankungen zur zweithäufigsten Erkrankung aufgestiegen sind, direkt nach den Herzkrankheiten.

Wodurch wird Stress zum Burnout?

Burnout entsteht meistens durch eine chronische Stressbelastung. Kennzeichen sind:

  • ein Gefühl von „Innerer Erschöpfung“, von Ausbrennen
  • ein Gefühl von Überforderung, wenn alles zu viel wird und schon Kleinigkeiten sich wie ein Berg auftürmen
  • ständig auf zu hoher Drehzahl laufen, wobei oft die Arbeitsbedingungen mit Emails, EDV und zahlreichen Aufgaben noch treiben
  • sich selbst ständig antreiben und von sich selbst zu viel verlangen
  • sich unrealistische Ziele setzen und sich dadurch selbst unter Druck setzen
  • wenn die eigene Person und die eigene Leistung nicht genügend wertgeschätzt wird
  • wenn wichtige persönliche Bedürfnisse längerfristig zu kurz kommen, wenn die persönlichen Lebensziele unerreichbar scheinen

Meist sind es Antreiber von außen und von innen, die einen permanent über die Grenze der Belastbarkeit drücken.

Warnzeichen für Burnout

Typische Warnzeichen für ein beginnendes Burnout-Syndrom sind:

  • nicht mehr abschalten können, wenn Entspannung nicht mehr funktioniert
  • Schlafstörungen (vor allem frühes Aufwachen)
  • nicht mehr genießen können (auch sexuell)
  • gereizt reagieren
  • sich über Kleinigkeiten ärgern
  • Gefühl von „innerer Leere“
  • sich nicht mehr in der üblichen Erholungszeit regenerieren können
  • körperliche Warnzeichen wie hoher Blutdruck, Ohrgeräusche (Tinnitus), häufige Infekte, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Symptome

Warum nimmt Burnout zu?

Früher gab es auch Menschen, die erschöpft waren. Warum nimmt Burnout zu?

  • Die Anforderungen aus der Arbeitswelt und der Umwelt steigen. Daran wird sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern.
  • Die tägliche „Drehzahl“, auf der unser Leben abläuft, ist so hoch, wie es noch nie in der Evolution der Menschen war. Beschleunigung des täglichen Lebens ist ein wesentliches Thema. Fernsehen und Email und Handys können noch mehr Reserven aus einem herauslocken.
  • Warum sagt jemand nicht „nein“, wenn er spürt, dass die Erschöpfung kommt? Es gibt immer eine Menge von inneren „Antreibern“, die jemanden ins Burnout bringt. Oft sind es Menschen, die mit hohen Idealen ihren Beruf beginnen, und an der Realität sich aufreiben.
  • Erste Warnzeichen des Körpers werden nicht wahrgenommen oder weg geschoben. Bei Nackenschmerzen oder Augenflattern oder Tinnitus neigen wir dazu, diese Warnlampen des Körpers lieber zu ignorieren.
  • Wer zu wenig Anerkennung für die eigene Leistung (auf der Arbeit, gesellschaftlich oder im engen Umfeld) erhält, neigt häufiger zum Ausbrennen.

Warum dauert die Genesung so lang, wenn jemand an Burnout erkrankt?

Jemand, der mit Burnout ausfällt, ist oft erst nach Monaten wieder in der Lage, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Es scheint so, dass ein ganzes System zusammenbricht.
Das Typische am Burnout ist, dass der Prozess ab einer gewissen Stufe nicht mehr willentlich zu steuern ist. Sich noch einmal „zusammenreißen“ geht dann nicht mehr. Es ist so, als würde das Gehirn abschalten und dicht machen. Wenn das Großhirn von Stresshormonen überschwemmt wird, leiden alle Denkfunktionen. Wenn dazu noch das Gefühl der Hilflosigkeit tritt, kommt es zur depressiven Erschöpfung, wo auch die eigenen Kraftquellen, die einem sonst aus Krisen heraushelfen, nicht mehr zu erreichen sind.
Die Behandlung muss daher oft ganz langsam den Menschen wieder „aufbauen“ – mit neuen Erfahrungen von Körper, Kraftquellen, sozialer Unterstützung. Und oft dem Eingeständnis, dass vielleicht das bisherige Lebenskonzept geändert werden muss.
Um solche schmerzhaften Erfahrungen zu vermeiden, ist wesentlich, frühzeitig festzustellen, wann die Stressbelastungen zu viel werden.

Wie kann ich meine Widerstandskraft gegen Stressbelastungen steigern?

Folgende Methoden haben sich bewährt, um Burnout vorzubeugen:

  • den Umgang mit täglichen Stressbelastungen lernen. Dazu gehört:
    • Effektiver Umgang mit Ärger-Situationen
    • Problemlöse-Training
    • Methoden zur Kurz-Entspannung im Alltag
    • Unterstützende Einstellungen entwickeln für Drucksituationen
  • den Umgang mit den eigenen Stress-Antreibern lernen. Dazu gehört:
    • eigene Stress-verschärfende Einstellungen kennenlernen, überprüfen und ändern
    • konstruktive, hilfreiche Einstellungen entdecken und trainieren
  • soziale Kompetenz erwerben. Dazu gehört:
    • Kommunikations-Training (Lösungsgespräche, konstruktive Kritik)
    • Team-Training zur sozialen Kompetenz
  • Die eigenen Lebens-Schwerpunkte (Work-Life-Balance) überprüfen. Dazu gehört:
    • die eigenen Lebens-Schwerpunkte ermitteln und überprüfen
    • persönliche Prioritäten festlegen und im Alltag angemessen durchsetzen
    • Lebens-Ziele und –Vision entwickeln und Schritte für die Realisierung einleiten
    • Regenerations-Phasen planen und in das Leben integrieren
  • Achtsamkeit im Alltag lernen. Dazu gehört:
    • Kontakt zum eigenen Körper und den eigenen Sinnen aufnehmen und trainieren
    • Präsenz-Training
    • automatische, oft ungünstige Reaktionsmuster im Leben erkennen und ändern lernen

J. Koepchen, 12.5.08

Samstag, 24. Mai 2008 - Dr. Johannes Koepchen

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