25
Jun

Mentale Gesundheit im Alter


Für die Gesundheit im Alter ist vor allem anderen die eigene Einstellung zum Altern entscheidend. In großen Langzeit-Studien hat sich gezeigt: wer sein Altern als eine positive, wertvolle Entwicklung sieht, zuversichtlich ist und sein Leben aktiv gestaltet, lebt 7,5-10 Jahre länger als derjenige, der eine negative Sicht des Altwerdens hat.

Was wir im Alter besser können – und was nicht
Im Alter werden folgende geistige Funktionen besser:

  • Sprachkompetenz
  • Sprachgedächtnis
  • Räumliche Orientierung
  • Schlussfolgerndes Denken
  • Expertenwissen
  • Emotionale Kontrolle, emotionale Intelligenz

Die sog. Kristalline Intelligenz als Basis der Informationsverarbeitung wird besser: ältere Menschen sind oft sicherer und besser in ihren Beurteilungen. Ältere Menschen sind oft besser darin, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Entscheidungen werden weniger durch Einzeldaten als durch Mustererkennung getroffen – und da sind Ältere besser. Im realen Leben ist die Qualität der Entscheidung wichtiger als die Geschwindigkeit.


Einige geistige Funktionen verlangsamen sich im Alter:

  • Geschwindigkeit der sensorischen Verarbeitung
  • Arbeitsgedächtnis

Die sog. Fluide Intelligenz, die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung, wird geringer. Deren Bedeutung wird aber oft überschätzt. In Piloten-Tests z.B. sind die Leistungen von älteren Piloten (über 60J.) besser im Vermeiden von Kollisionen als von jüngeren Piloten (über 40J.): zwar reagieren Jüngere schneller, aber Ältere haben die bessere Übersicht. Ähnliches gilt für andere Berufe, z.B. für Sekretärinnen.
Wir verwechseln leicht die Geschwindigkeit des Lernens mit der Qualität des Lernens. Gedächtnis-Verschlechterungen lassen sich durch Strategien und Methoden kompensieren.

Spezifische Leistungen der Fluiden Intelligenz lassen sich testen, wie Verarbeitungsgeschwindigkeit, Gedächtnis und exekutive Kontrollfunktionen. Defizite in diesem Bereich lassen sich trainieren. Allerdings sind Trainings unter Laborbedingungen oder am PC nicht immer effektiv: nicht alle Ergebnisse lassen auf das reale Leben transferieren. Und: schon Training mit Flottem Gehen reicht aus, um die exekutiven Funktionen zu verbessern.

Die moderne Neurobiologie belegt durch das Konzept der Neuroplastizität, dass neue Hirnzellen sich bis ins hohe Alter bilden können. Nachgewiesen ist, dass BDNF zur Bildung neuer Nervenzellen im Hippocampus beiträgt. BDNF entsteht am meisten durch intensives Lernen und körperliche Bewegung. Andererseits: Dauerstress und Cortisol unterdrückt BDNF: bei Menschen mit Dauerstress schrumpft der Hippocampus (der für die Organisation unseres Gedächtnisses verantwortlich ist).

Im Alter nimmt häufig die Ablenkbarkeit zu, MultiTasking geht nicht mehr, es fällt schwerer, im Stimmengewirr einzelne Stimmen zu unterscheiden. Dies hat viel zu tun mit der Kontrolle der Aufmerksamkeit, und die läßt sich trainieren.
Die Gedächtnisleistung ist häufig nicht durch organische Veränderungen verschlechtert, sondern dadurch, dass man sich keine Leistung mehr zutraut. In den meisten Studien haben Personen, die über Gedächtnisprobleme klagen, im Labor keine Schwächen. Die Probleme im Alltag stammen mehr aus Unkonzentrierheit oder aus depressiven Stimmungen oder mangelnder Motivation. Und: wer seine Aufmerksamkeit auf das lenkt, was schlechter werden könnte, bekommt das auch.

 

Demenz im Alter ist ein komplexes Phänomen. Es ist nicht allein abhängig von hirnorganischen Veränderungen: etwa 1/3 aller Menschen, die nachgewiesene Alzheimer-Veränderungen haben, sind vor ihrem Tod psychisch unauffällig. Das Krankheitsmodell selbst ist strittig. Eine effektive Therapie ist nicht bekannt und auch nicht in Sicht. Insofern geht es darum, die allgemeinen Faktoren zu fördern, die für die geistigen Aktivitäten im Alter wesentlich sind.

In Befragungen über ihre Biographie beschreiben Menschen ihr Leben zwischen 60 und 70 Jahren oft als den glücklichsten Lebensabschnitt. Wir haben also allen Grund, auf die Fähigkeiten und Ressourcen im Alter zu fokussieren und nicht auf die Defizite.

 

Grundkonstanten in der Entwicklung von älteren Menschen
Der Altersforscher und Neurologe Gene D. Cohen hält folgende Themen für wesentlich:

  • sich selbst endlich richtig kennen und verstehen lernen und mit sich selbst zufrieden sein
  • lernen, gut und richtig zu leben
  • sein Urteilsvermögen schärfen
  • anderen Menschen, der Familie und der Allgemeinheit etwas von sich geben
  • die eigene Lebensgeschichte erzählen
  • nicht aufhören, Entdeckungen zu machen und sich auf Neues einzulassen

Cohen sieht den Beginn der ersten Altersphase mit 50-55J.: es geht um Neuausrichtung, Ausloten und Umbruch.

 

Nachgewiesene Positive Wirkung auf die die Gesundheit im Alter haben:

  • Bewegung, körperliche Aktivität in jeder Form. Das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, sinkt um bis zu 38%, wenn man sportlich aktiv ist. Dabei geht es weniger um die Leistung, als um die Aktivierung des gesamten Menschen. Als erforderlicher Bewegungsumfang empfiehlt sich 3x30min pro Woche oder 2x1h.
  • Gehirntraining: Isoliertes Gehirnjogging ist oft weniger effektiv. Das beste Gehirntraining ist „training on the job“ – Gedächtnisübungen lassen sich gezielt in den Alltag einbauen. Neue Hirnzellen entstehen vor allem durch Lernen, intensive neue Erfahrungen wie Musizieren.
    Bestes Gehirnjogging ist auch das Spielen mit Enkelkindern.
  • Ernährung: die Regeln für gesunde Ernährung (LOGI-Methode) gelten auch für das Alter. Einzelne Substanzen werden intensiv erforscht: Omega-3-Fettsäuren (im Fisch), Kaffee (ca 3 Tassen pro Tag), Obst in jeder Form, vor allem dunkles Obst wie dunkle Beeren.
  • Soziale Aktivität: senkt das Alzheimer-Risiko um weitere 12%. Einsamkeit ist einer der größten Stressoren. Wer einen Hund hat, ist nicht nur körperlich aktiver, sondern auch mehr vor Depressionen und hohem Blutdruck geschützt.
  • Tanzen: ältere Menschen, die tanzen, haben überlegene Resultate in kognitiven Tests. „Tanzen schützt auf nahezu magische Weise vor Alzheimer“ (M.Korte). Es vereint drei positive Faktoren: soziale Interaktion, Bewegung und Konzentrationstraining.
  • Glücksgefühle zulassen: Umgang mit Stressbelastungen und Defiziten, bewusste Achtsamkeit auf das Sich-Wohlfühlen erhöht die Gesundheit und verlängert das Leben.
  • Selektion, Optimierung, Kompensation: das Konzept des Ehepaares Baltes (Berliner Altersstudie) ist ein Modell zum erfolgreichen Altern und zum Umgang mit Schwächen, die mit dem höheren Alter auftreten:
    • Selektion: welche der bisherigen Aktivitäten kann und möchte ich weiterführen?
    • Optimierung: wie kann ich diese Aktivitäten und meine Kräfte optimal stärken?
    • Kompensation: wie gleiche ich unabänderliche Defizite effektiv aus?

Für den Alltag:

  • Der beste Schutz vor Alzheimer ist, täglich in der Natur einen Spaziergang zu machen. Da bekommt das Gehirn alles, was es braucht: Bewegung, frische Erfahrungen für die Sinne, Lust an der Entwicklung der Natur
  • Die „3 L“ schützen die kognitiven Fähigkeiten im Alter: Laufen, Lernen und Lieben

 

Literatur:

  • Martin Korte: Jung im Kopf. Erstaunliche Einsichten der Gehirnforschung in das Älterwerden. DVA, München 2012
  • Ellen J. Langer: Die Uhr zurückdrehen? Gesund alt werden durch die heilsame Wirkung der Aufmerksamkeit. Junfermann, Paderborn 2011
  • Hans Förstl, Carola Kleinschmidt: Das Anti-Alzheimer-Buch. Ängste, Fakten, Präventionsmöglichkeiten. Kösel, München 2009

Dienstag, 25. Juni 2013 - Dr. Johannes Koepchen

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