12
Mrz

Lese-Empfehlung: Felix Hasler, Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung.


Was erklärt die moderne Hirnforschung wirklich? Was bringen die bunten Bilder von den Hirnaktivitäten? Was steht hinter „Neuromarketing“, „Neuro-Ökonomie“, etc.? Was bewirkt die Reduktion von Hirnaktivitäten auf Synapsen und Überträgerstoffe? Können wir unserem Gehirn „beim Denken zuschauen“? Gibt es eine „biologische Psychiatrie“? Bin ich mein Gehirn?

NeuromythologieEs geht um die „schier unglaubliche Diskrepanz zwischen dem gegenwärtigen Welterklärungsanspruch der Neuro-wissenschaften und den empirischen Daten“…. so manche vermeintliche neurobiologische ‚Tatsache’ hat mehr mit pharmazeutischem Marketing als mit Wissenschaft zu tun.“
Felix Hasler ist promovierter Pharmakologe, hat viele Jahre in einer Arbeitsgruppe der Universität Zürich über Medikamentöse Behandlung der Depression geforscht, ist derzeit in Berlin an der Charitè tätig in einem Stipendium der „Berlin School of Mind and Brain“.Scharfsinnig und gespickt mit vielen Fakten entwickelt er die „kritischen Neurowissenschaften“.

  • Gibt es tatsächlich ein modulares Denken in Teilbereichen des Gehirns oder ist das Gehirn immer insgesamt beteiligt?
  • Was ist das biologische Korrelat des Denkens?
  • Die beliebten bunten Bilder des Neuroimaging haben als Basis eine Mehrdurchblutung der betreffenden Region. Ob dies tatsächlich ein Denken in dieser Region bedeutet, ist überhaupt nicht gesichert.
  • Über die zahlreichen und komplexen mathematischen Verfahren der Datenauswertung sind die Wissenschaftler nicht einig. Viele Ergebnisse lassen sich nicht wiederholen. Es gibt dazu eine schöne Story von dem Nachweis der Hirnaktivität des Lachses im Neuroimaging.
  • Beim Neuroimaging sieht man Differenzbilder der Aktivitäten. Nur ist das „Hintergrundrauschen“ des Gehirns ausgesprochen groß. Der Vergleich: es ist so, als würde man ein Schiff mit und ohne Kapitän wiegen, um das Gewicht des Kapitäns zu messen.

Ein eindrückliches Kapitel widmet sich der Depressions-Behandlung. Ein biologisches Korrelat von Depressionen gbit es nicht. Die Grundlagenforschung hat keinen Beleg dafür, dass eine Depression mit Serotoninmangel zu tun hat. Sicher ist nur, dass nach einer längeren Behandlung z.B. mit SSRI (Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern, den gebräuchlichsten Antidepressiva) ein solches Ungleichgewicht erzeugt wird, daher auch die Entzugs-Symptome beim Absetzen. SSRI führen häufig zu Stimmungsschwankungen, auch Aggressionen, das ist juristisch belegt. Die Firma Glaxo-Smith-Kline musste deswegen in einem juristischen Vergleich eine extrem hohe Abfindung zahlen (der genaue Betrag ist geheim.) Biphasische Verläufe von Depressionen (im Wechsel mit manischen Phasen, macht die Erkrankung instabiler) ist nach Behandlung mit SSRI dreimal häufiger.  Psychopharmaka verändern die Hirnchemie – mit Spätfolgen.

Hasler belegt, wie die Pharma-Industrie systematisch die Medikamente in den Markt gedrückt hat, am Beispiel Prozac (und anderen), teils mit nachweislich gefälschten Dokumenten. Prozac war z.B. in Deutschland wegen fehlender Wirksamkeit und der Nebenwirkungen zunächst nicht zugelassen. (Die Depressions-Studien sind in der letzten Zeit wegen der zahlreichen nicht publizierten negativen Ergebnisse stark in der Kritik.)
Und: im Prinzip haben wir keine Ahnung, was tatsächlich im Gehirn geschieht und welche biologischen Grundlagen unser Denken hat. Die biologische Psychiatrie hat jedenfalls unser Verständnis dafür nicht wirklich erweitert.

Wer sich kritisch über die Neurowissenschaft informieren möchte, hat in diesem Buch eine Fundgrube. Die Zeitschrift „Gehirn&Geist“ aus dem Verlag „Spectrum der Wissenschaften“ hat es gerade zum „Buch des Monats“ gekürt.

 

Buch auf Amazon.de ansehen: Neuromythologie

Dienstag, 12. März 2013 - Dr. Johannes Koepchen

Kommentare deaktiviert für Lese-Empfehlung: Felix Hasler, Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung.

Kommentare

Kommentare sind geschlossen

Suche

Facebook

Leser fragen Dr. Koepchen

Lieber Leser, wenn Sie spezielle Fragen zum Thema Stress und Stressmedizin haben, kann ich gern hier darauf eingehen.

Leserfrage an Dr. Koepchen

Infobrief

Tragen Sie sich jetzt ein und erhalten wissenswerte und spannende Themen direkt ins Postfach!

Medizinische Beratung

Zu den Erkrankungen durch Stressbelastung und "burn out"-Syndrom, können Sie auch persönlich mit mir Kontakt aufnehmen. Rufen Sie mich an oder schreiben Sie mir Ihr Anliegen. Ich melde mich gerne bei Ihnen! Ihr Dr. med. Johannes Koepchen

Anfrage zur Hilfe bei burn out

Links

Alle öffnen | Alle schließen

Internetmarketing